Segafredo-Café, Rindermarkt
Morgens, halb zehn in München. Ich treff e Wolfgang Fischer in der italienischen Espressobar Segafredo, um mit ihm einen Stadtrundgang durch die Münchner Innenstadt zu machen. Beschrieben wurde mir Herr Fischer im Vorhinein als ein äußerst unterhaltsamer Mensch, der stets eine Münchner Geschichte parat hat, der jeden kennt und den jeder kennt. Er wartet bereits im Café bei einem Cappuccino auf mich und begrüßt mich gut gelaunt. Ich habe die Nacht davor lange gearbeitet und bin noch etwas müde. Herr Fischer dagegen scheint ein Morgenmensch zu sein und beginnt zugleich von diesem Ort zu schwärmen, der für ihn ein Beweis ist, dass München wirklich die nördlichste Stadt Italiens ist: „Wenn ich zwischen meinen Terminen fünf Minuten Zeit habe, dann komme ich hier schnell auf einen guten Kaff ee vorbei, um den Kopf kurz durchzulüften. Insbesondere im Sommerist es herrlich, sich auf den Platz vor  dem Café in die Sonne zu setzen und dem Treiben zuzuschauen.“ Das Charmante am Rindermarkt sei für ihn, dass er wie der Marienplatz ganz zentral
liege, aber viel ruhiger sei, obwohl er nur 50 Meter Luftlinie entfernt ist. Es gehe hier sehr familiär zu. Hier treffe man garantiert immer jemanden, den man kennt. „Dieses Heimelige mag ich an München“, sagt der gebürtige Aalener, der zwar schon seit Studentenzeiten in München lebt, aber aus seinem Schwäbisch keinen Hehl macht. Wie es ihm so erging als „Zugroaster“, möchte ich wissen. Schließlich ist insbesondere die Münchner Innenstadt von alteingesessenen Unternehmen geprägt , die wohl bayrischer nicht sein könnten. Mit den Eigenarten der Bayern habe er nie ein Problem gehabt. Im Gegenteil: Die Herzlichkeit der Menschen schätze er an München besonders. Ob Gastronom oder Einzelhändler: Hier gebe es so viele starke Persönlichkeiten, die sich trotz berufl ich großer Laufb ahnen eine gewisse Entspanntheit bewahrt haben. img 2868 464x645 - Herr Fischer und sein München

Früher hatte Herr Fischer es nicht weit von seinem Büro zum Segafredo. Es befand sich genau darüber, im Ruffi nihaus, das bald saniert wird und deshalb musste er mit seinem Verein umziehen. Es fiel ihm schwer, zu gehen. Der Rindermarkt und das Haus im barocken Stil waren ihm sehr ans Herz gewachsen. Das Gleiche wird auch dem Segafredo demnächst widerfahren. Zum Glück hat er es von seinem neuen Büro auch nicht so weit und kann dort immer noch eine kleine Pause auf dem Weg zum Rathaus einlegen. Da muss er nämlich oft hin, weil er sich mit den Behörden bezüglich Baumaßnahmen und Regulierungen in der Innenstadt besprechen muss. Was genau ist eigentlich sein Job, möchte ich wissen: „eine branchenübergreifende Vereinigung für Unternehmer in der Innenstadt, wie Händler, Gastronomen, Hoteliers bis hin zu Immobilienbesitzern oder Kanzleien. Sein Verein kümmert sich um die Innenstadt und die Belange der Unternehmen. So haben CityPartner die „Entrümpelung“ der Fußgängerzone und die Umgestaltung des Marienplatz initiiert, kümmern sich um die Erreichbarkeit der Innenstadt oder sprechen mit denBehörden, wenn es beispielsweise um die Baustelle der zweiten Stammstrecke am Marienhof geht, die 10 Jahre andauern wird. Des Weiteren organisiert CityPartner auch die Münchner Shopping-Nacht und zu guter Letzt geht es natürlich auch darum, ein internes Netzwerk zu pfl egen. Momentan zählt der Verein 200 Mitglieder. „Seit 2004 kümmern wir uns gemeinsam darum, die Attraktivität der Innenstadt zu erhalten und kräftig dafür zu trommeln.“ Herr Fischer dreht sich noch eine Zigarette, dann geht’s los.

Mariensäule, Marienplatz
Wir treten aus der kleinen italienischen Insel hinaus direkt in einen eisig kalten Oktobertag mit sturmartigen Böen und marschieren schnellen Schrittes zum Marienplatz mit seiner Mariensäule, deren Spitze eine vergoldete Marienstatue aus Bronze ziert. Herr Fischer erklärt mir, warum er dieses Monument als
zweite Station unseres Stadtspaziergangs gewählt hat: „Im Dreißigjährigen Krieg drohte München die Zerstörung durch die schwedischen Truppen. Gustav Adolf entschied sich jedoch gegen Anraten seiner Generäle, die Stadt zu verschonen. Daraufhin wurde als Dank die Mariensäule eingeweiht – ein schönes Friedenssymbol! Was kaum jemand weiß, von der Spitze der Säule werden alle von München weggehenden Straßen gemessen. Und von der Spitze des Nordturms des Doms ist ganz Bayern vermessen worden.“ Für den studierten Wirtschaftsgeografen natürlichein besonders interessanter Ort. Der Marienplatz erinnere ihn immer auch an seine Kindheit. Damals fuhr er jedes Jahr mit seiner Familie in die Ferien nach Seehausen am Staff elsee. Auf dem Weg dorthin machten sie stets Halt in München. Herr Fischers Vater war Buchhändler, so war der erste Gang bei der Ankunft in München immer der zum Hugendubel am Marienplatz, um sich über Innovationen im Buchhandel zu informieren. Die weiteren Stationen dieses alljährlichen Zwischenstopps werde er mir später
zeigen, verspricht er mir fröhlich.

Vor dem Hirmer-Gebäude, Kaufingerstraße
Wir spazieren die Kaufi ngerstraße entlang, die gerade zum Leben erwacht. Ein Gemüsehändler, der gerade seinen Stand eröffnet, begrüßt Herrn Fischer mit Handschlag. Ich glaube, er kann nirgendwo in der Stadt entlanggehen, ohne dass man ihn nicht kennen würde. Und ich denke, er mag das.
Wir bleiben vor dem Herrenkaufhaus Hirmer stehen und Herr Fischer deutet auf die roten Steine am Boden, die ein großes Rechteck bilden. Er fragt mich spitzbübisch, ob ich wisse, was das sei, wohlwissend, dass er mich gleich aufk lären muss. Ich weiß es natürlich nicht. Dies seien die Grundrisse des „Schönen Turms“ der einst hier stand – schöner Turm, weil er ganz bunt bemalt war. Er bildete den Torturm zur ersten, mittelalterlichen Stadtmauer Münchens. Er weist auf eine Plastik an der Ecke des Hirmer-Gebäudes, die alle Passanten übersehen: ein bärtiger Mann, der auf seinen Schultern einen Turm trägt. Abermals voller Vorfreude, dass er mir gleich etwas Neues erzählen kann, fragt er mich, ob ich die Figur kennen würde. Auch hier muss ich verneinen. Er erzählt mir von der Legende vom armen Goldschmied, der seine Werkstatt neben dem Turm hatte und eines Tages in ein Schmuckstück einen zusätzlichen Stein einarbeiten sollte. Als der Kunde das Stück abholen wollte, war es jedoch verschwunden. Obwohl der Juwelier immer beteuerte, das Schmuckstück nicht gestohlen zu haben, wurde er wegen Diebstahls hingerichtet. Als man 1807 die Stadtmauer abriss, soll im Dachstuhl des Turms eben dieses Schmuckstück gefunden worden sein. Vermutlich hatte es eine diebische Elster damals gestohlen und dort abgelegt. Und eben dieser Juwelier,
der die Bürde des Turms trägt, ist in der Plastik verewigt. „So,und die nächste Geschichte gibt’s am Oberpollinger.“ So weit kommen wir aber nicht. Ein paar Schritte weiter hat Herr Fischer bereits die nächste Geschichte parat. Dieses Mal wieder eine persönliche. Sehr gut. Denn ganz in der Nähe vom Hirmer war einst Tagespunkt Nummer 2 des Fischerschen Zwischenstopps auf dem Weg zum Familienurlaub nach Seehausen: „Hier war früher `Spielwaren Fischer`, die Belohnung für meinen Bruder und mich, nachdem wir brav im Hugendubel ausgeharrt hatten. Das war ein schmales Haus und es stand immer eine riesige Plüschgiraffe davor.“ Ich sehe buchstäblich den kleinen Wolfgang auf die Plüschgiraffe zurennen, glückselig, dass er nun ins Spielzeugland darf und auch noch Ferien hat. Zehn Jahre sollte dieses Ritual sich jährlich wiederholen.

Muschelsaal, Zum Augustiner, Neuhauser Straße
Wir kehren kurz nebenan beim „Augustiner“ ein – wie angenehm, dem kalten Wind zu entrinnen. Der Augustiner mit seinem Muschelsaal ist eine magische Oase in der hektischen Innenstadt. Tausende von Muscheln zieren den Saal in der Mitte des Gasthauses mit einer Jugenstildecke aus Glas. Der prächtige
Salon einer mondänen Meernixe würde bestimmt genauso aussehen. Noch ist es hier ganz leer, aber schon bald wird reges Mittagstreiben herrschen. Herr Fischer sagt, nach „Spielwaren Fischer“ ging es zum Essen immer hierher – Teil 3 des Urlaubsrituals. Er bestellte jedes Mal das Gleiche: Spätzle mit
Spinat. Ein Gericht, das er 10 Jahre lang jeden Sommer hier gegessenhat, obwohl es eigentlich nicht auf der Karte stand. Wenn er diesen Saal betritt, komme dieses verheißungsvolle Gefühl wieder auf, bald Ferien am See zu haben. Abgesehen von der Kindheitserinnerung habe der Augustiner einen der
schönsten Biergärten in der Innenstadt. Herr Fischer meint, es gebe hier noch so viele versteckte Plätze, die mir gefallen würden. Ich muss zugeben, dass ich um die Neuhauser Straße der vielen Menschen wegen oft einen Bogen mache, aber das, was sich hier abseits der belebten Straßen auftut, ist ein Geheimtipp. Noch ein kurzer Blick in den wunderschönen Innenhof mit handgemalten Fresken und weiter geht es mit unserem Spaziergang.
Herr Fischer hat noch einiges vor.
img 2965 464x645 - Herr Fischer und sein München
Hackenviertel
„Die Münchner Innenstadt hat vier Altstadtviertel, das Hackenviertel, das Kreuzviertel, Graggenauer Viertel und das Angerviertel. Der Name Hackenviertel kommt von „in den Haggen“ und leitet sich von „Hecke“ her. Hier gab es keine großen Gebäude und Adelspalais, da es ein Krämerviertel war. Hier waren kleine Gewerbetreibende ansässig, die ihre Grundstücke mit Hecken abgetrennt hatten. Ich frage, ob der Name Hacker Pschorr damit zusammenhänge. Herr Fischer, das wandelnde München-Lexikon, verneint und erwidert mit einer neuen Geschichte: So erzählt er von einem der einstmals reichsten Münchner – dem Brauer und Visionär Josef Pschorr – der wohl aber auch recht geizig war: „Um Holz zu sparen, durften seine Angestellten das Grünmalz nur halbgedarrt und nicht wie sonst dunkelgeröstet in den Läuterbottich geben. Durch das kürzere Brauverfahren bekam das Bier eine hellere Farbe und verlor den Rauchgeschmack – was jedoch sehr gut beim Konsumenten ankam. So entstand das „Münchner Hell“. Wir schlendern zu den ehemaligen Hoflieferanten
„Schachinger Künstlerbedarf“ und „Radpieler“, zwei „Schatzkästchen,“ laut Herrn Fischer. Im „Schachinger“, findet man seit 1877 alles, was das Künstlerherz begehrt: Ölfarben, Kreiden, Stifte, Papier und Staffeleien. Nun kommen in mir auch Kindheitserinnerungen auf, als ich von früh bis spät Bilder malte und der Höhepunkt eines jeden Stadtbummels das Fachgeschäft für Farben war. Nostalgie ist schon was Feines, und, dass es diese Läden immer noch gibt, ein Glück. Im „Radspieler“, ein Geschäft für Textilien, Möbel und Stoffe, knarrt jeder Schritt auf dem hundert Jahre alten Parkettboden. Selbstredend ist, dass auch hier Herr Fischer bekannt ist. Die Kassettendecke des Untergeschosses ist mit Engeln bemalt und durch eine Glastür tritt man ins Freie, in einen lichtdurchfluteten Hinterhof, der eigentlich ein großer Garten ist. Durch die hohen Bäume brechen gerade die ersten Sonnenstrahlen des Tages. Hier ein kleines Café im Freien, das wäre was!

Asamkirche, Sendlinger Straße
„Ein Jahr lange wurde die Sendlinger Straße nun vom Autoverkehr befreit, um zu sehen, ob es funktioniert, wenn sie eine Fußgängerzone wäre. Das hat gut geklappt. Nun wird sie ganz zur Fußgängerzone umgebaut, was wiederum der Attraktivität der Innenstadt zugute kommt.“ Inmitten der kleinen Geschäfte tut sich auf einmal ein Gebäude mit imposanten Säulen auf. Wir stehen vor der Treppe der Asamkirche. „Die Gebrüder Asam haben einst diese Kirche für sich privat gebaut.“ Erst nach Bürgerprotesten wurde die Kirche der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Hinter dem Eingang der schmalen Kirche, die zwischen den Häusern fast eingeklemmt wirkt, verbirgt sich ein wulstiges spätbarockes Meisterwerk voller Stuck und rotem Marmor, das maneher in Italien als hier in der Sendlinger Straße erwarten würde.

img 3338 464x645 - Herr Fischer und sein München
Stadtmuseum
Das alte Zeughaus, das jetzt das Stadtmuseum beherbergt, wird die letzte Station unseres Stadtspaziergangs, was sage ich – unserer Stadtführung. Herr Fischer mag dieses Museum sehr und findet, dass es zu unrecht nicht so bekannt sei, „obwohl es sensationelle Ausstellungsstücke hat“. Seine beiden
Lieblingsstücke sind zwei maßstabgetreue Stadtmodelle: Eines ist die Kopie des „Sandnerschen Stadtmodells“ von 1570 und das andere wird seit 1970 immer weiterentwickelt und ständig auf den aktuellen Stand gebracht. „Das ist superinteressant, welche Häuser es damals schon gab und heute immer noch stehen“, sagt Fischer ganz begeistert. Da spricht wieder der Wirtschaftsgeograf.

Wir befinden uns auf dem Jakobsplatz mit dem jüdischen Zentrum. Herr Fischer findet, dass der Platz mit der Synagoge und dem Gemeindezentrum so gewonnen habe. Und zudem: Moderne Architektur täte der Münchner Innenstadt auch gut. Er lebt mit Leib und Seele für seine Münchner Innenstadt.
Zum Abschluss zeigt er mir noch den Innenhof des Museums. Zu Studienzeiten habe man sich hier im Sommer immer zwischen9 und 10 Uhr abends getroffen, um den Tag ausklingen zu lassen. Der Innenhof sei eine weitere dieser einmaligen Oasen in der Innenstadt. Hier steht einer der Burgfriedsteine des alten Münchens, zu dem Herr Fischer natürlich auch etwas weiß. So viel Neues über eine vertraute Gegend habe ich noch nie erfahren. „Ich schmeiße noch
ein Heißgetränk zum Aufwärmen“, sagt er. Danach verabschieden wir uns. Herr Fischer bietet mir an, ihn jederzeit zu kontaktieren, wenn ich noch etwas wissen möchte oder gern einen Kontakt zu einem Münchner Unternehmen hätte. Das nehme ich gern an: „Nicht verzagen, Herrn Fischer fragen.“
img 2990 464x645 - Herr Fischer und sein München

erstellt am: 21.11.2017

annekatrin meyers 1024x1024 - Herr Fischer und sein München

Annekatrin Meyers

Journalistin

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