sven1 1024x779 - »Erfolg radikalisiert den Charakter«

Herr Michaelsen, woran merken Sie, dass jemand beim Interview lügt?
Wer interviewt wird, gibt seine Lieblingsmaske als Gesicht aus und erzählt erst einmal das, was er über sich lesen möchte: schmeichelhafte Heldenlegenden oder rührende Geschichten über Aufstieg, Absturz und Wiedergeburt. Eine Faustregel lautet: Je pointierter und süffiger eine Geschichte klingt, desto weniger Glauben sollte man ihr schenken. Dass Stars oft nicht die Wahrheit sagen, muss einen nicht wundern, denn keiner von uns erträgt sich ohne Selbstretusche. Es gibt allerdings kalkulierte Mythomanen, bei denen das ärgerlich wird. Dieter Bohlen zum Beispiel erzählt die Geschichte seiner Penisfraktur seit Jahren in immer neuen Versionen, die sich gegenseitig ausschließen. Für ihn sind Interviews reine Belletristik. Da kann man sich nur mit dem Satz trösten, dass jede Maskerade auch eine Demaskierung ist.

In welche Interviews gehen Sie mit einem mulmigen Gefühl?
Wenn mir Öffentlichkeitsleichen gegenübersitzen wie Arnold Schwarzenegger oder Mick Jagger. Solche Figuren antworten seit einem halben Jahrhundert auf immer gleiche Fragen mit immer gleichen Antworten und haben ihr Leben meist schon in achthundert Seiten dicken Memoirenbänden ausgebreitet. Was wollen Sie da noch fragen? Die letzte ungemähte Wiese im Leben von Mick Jagger wäre ein Gespräch über Kindererziehung oder Drogenprävention.

Welche Eigenschaften zeichnen einen guten Interviewer aus?
Die Fähigkeit, den anderen vor den Spiegel zu locken und sich in heikle Charaktere einzufühlen. Es gibt einen Humus der Kläglichkeit, den alle großen Künstler am Beginn ihres Lebens gemein haben. Der Schriftsteller John Updike erzählte mir, ohne seine Schuppenflechte wäre er eine langweilige Person geblieben. Diese Mechanismen erklären das typische Künstlersyndrom aus infernalischem Größenwahn und demütigenden Minderwertigkeitskomplexen.

Was machen Stars in Interviews falsch?
Der Kardinalfehler der meisten Stars ist, dass sie viel zu viele Interviews geben. Die Tabuisierung der Privatsphäre ist der erste Schritt zur Mythenbildung. Greta Garbo hat in ihrem Leben nicht mehr als 14 Interviews gegeben. Sie wusste, Geheimnisse verlängern die Karriere und bringen der Seele Frieden. Maria Furtwängler zum Beispiel macht alles richtig. Auch die Kollegen von »Gala« und »Bunte« haben keinen blassen Schimmer, wie ihr privates Leben aussieht. Mysteriös zu sein, hält die Neugier des Publikums wach.

Was richtet Erfolg bei Menschen an?
Erfolg radikalisiert den Charakter. Er macht Kluge klüger und Dumme dümmer. Die Strafe des Erfolgs sind Selbstzweifel. Je größer das Talent, desto gnadenloser stellt man sich selbst infrage. Glücklich macht Erfolg nur dann wirklich, wenn man andere scheitern sieht, am besten eine gute Freundin oder einen guten Freund. Das erzählen Stars Ihnen aber erst nach der zweiten Flasche Wein.

Helmut Dietl hatte das Glück, an Melancholie zu leiden.

Beim Lesen Ihres Buchs „Das drucken Sie aber nicht!“ fragt man sich dauernd, warum wildfremde Menschen Ihnen ihre Seele offenbaren.
Die meisten Menschen warten vergebens darauf, dass ihnen endlich mal jemand die Fragen stellt, die sie sagen lassen, was sie im Innersten ausmacht. Berühmtheiten sind da keine Ausnahme. Hinzu kommt, dass Selbstbespiegelung die Haupttätigkeit von Künstlern ist. Ihr Ich ist der Rohstoff, aus dem sie ihre Werke formen. Deshalb sprechen sie am liebsten über sich selbst. Das heißt aber nicht, dass sie sich gern in die Unterhose schauen lassen. Künstler haben ein feines Gespür für Menschen, die sich gern im Intimschlick fremder Leute suhlen. Erkenntnisinteresse finden sie okay, Voyeurismus nicht.

Wann leiden Sie bei Interviews?
Wenn mir ein Schwall detaillierter Dummheit entgegenschlägt und ich das Gefühl habe, klüger zu sein als der Interviewte. Niemand schafft es, Steine zu melken oder aus Staub Glitzer zu machen. Wenn Sie vor der Abschrift eines Interviews mit Claudia Schiffer sitzen, haben Sie das Gefühl, Badeschaum an die Wand nageln zu müssen. Erinnernswert war nur, dass sie vom Penis als »Stinkerle« sprach. Wenn vor Ihrem Mikrofon Leute sitzen, deren Popularität größer ist als ihre Begabung, können Sie nur verlieren.

Fragen Sie eher einfühlsam oder konfrontativ?
Ein Interviewer sollte so sein, wie sein Gegenüber ihn braucht. Es ist sinnlos, einem gehemmten Nachwuchslyriker als Pitbull-Journalist gegenüberzutreten. Wenn Sie dagegen einer Lästerzunge wie Rupert Everett mit höflicher Bescheiden- heit begegnen, erlischt bei Charakteren dieser Sorte sofort jedes Interesse. Everett nimmt nur Performer ernst, die, wie er, Sätze formulieren können wie: »Ich glaube nicht mehr an horizontalen Sex – er geht zu sehr auf die Ellbogen.«

Interviews müssen heute in der Regel von den Interviewten schriftlich autorisiert werden. Was erleben Sie dabei?
Beim Autorisieren lernt man Menschen mitunter genauer kennen als beim Interview. An den Änderungen oder Streichungen erkennen Sie exakt, wo die Eitelkeiten und Schmerzpunkte liegen. Großartig ist der Ur-Münchner Franz Xaver Kroetz. Statt autorisieren zu wollen, sagt er Ihnen: »Wenn Sie bei der Bearbeitung des Interviews schwindeln, trete ich Ihnen mit Bergschuhen in Ihre Fresse!« Zu den Hassfi guren von Interviewern zählt Marius Müller-Westernhagen. Er wanzt sich beim Gespräch mit couragierten Erzählungen an Sie ran – und ersetzt bei der Autorisierung das Gesagte durch erschütternd belangloses Bla-bla. Wollen Sie ihn deswegen zur Rede stellen, lässt er sich von seiner Entourage verleugnen. Eine ähnlich klägliche und opportunistische Figur ist der ehemalige Bayern-München-Torwart Oliver Kahn. Beim Interview führt er sich auf wie eine Bockwurst, bei der Autorisierung wie ein wasserhaltiges Würstchen. Weil es so viele Westernhagens und Kahns gibt, habe ich meinem Buch den Titel »Das drucken Sie aber nicht!« gegeben.

Werden Sie Opfer von Starallüren?
Ja, aber irgendwann begreift man, dass hinter Rüpelhaftigkeit meist Selbsthass steckt und dass Hochmut die Schutzhaltung der Verletzten ist. Ein Star, der zu spät zum Interview erscheint, hat in der Regel keine Allüren, sondern Versagensangst.

Was waren die peinlichsten Situationen, die Sie in Ihrem Beruf erlebt haben?
Der Schauspieler Helmut Berger öffnete beim Interview die Hose, holte seinen Penis heraus und masturbierte. Als das Interview zu Ende war, jagte er den Fotoassistenten durchs Zimmer und schrie: »Ich will dich jetzt ficken, du kleine Sau!« Aber war das peinlich? Eher kurios. Am quälendsten war ein auf zwei Stunden angesetztes Interview mit Robert De Niro. Was ich auch fragte, De Niro überlegte eine Minute lang und sagte: „Good question. Next question.« Nach einer halben Stunde habe ich mich verabschiedet. Bei meiner Rückkehr benahm sich mein damaliger Chefredakteur wie ein Marder im Blutrausch – ich war für das nicht zustande gekommene Interview nach Kanada gefl ogen.

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Sven Michaelsen mit Arnold Schwarzenegger in dessen Büro in Santa Monica

Verlieren Sie nicht den Glauben an die Menschheit, wenn Ihnen Leute wie Helmut Berger oder Robert De Niro so begegnen?
Nein, denn wie jeder Bauer weiß, sorgt üblicherweise die schlauste Ziege für die größten Probleme. Was mich an meinen Beruf bindet, ist die Sucht nach dem Erstaunen – was Menschen so alles denken, schaffen, zerstören, erleiden.

Haben Sie Feindbilder?
Ja, zum Beispiel Interviewer, die fraglose Fragen abspulen wie: »Erzählen Sie doch mal, wie gefällt Ihnen Berlin?« Sie tragen dazu bei, dass Stars heute auf Journalisten mit Verachtung herabschauen. Die abgrundtiefste Verachtung ist mir bei unserem ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder entgegengeschlagen. Er hält Journalisten für schleimiges Ungeziefer und benimmt sich entsprechend.

Fragen Sie so gern, um selbst nicht gefragt zu werden?
Nein, ich stelle den Interviewten die Fragen, die ich mir selbst stelle, und weide ihre Erfahrungen und Erkenntnisse aus. Indem ich mich im anderen selbst erkunde, erspare ich mir, Interesse heucheln zu müssen. Allgemein gilt: Da nur langweilige Fragen beantwortbar sind, sollte man Menschen nach ihren Fragen und nicht nach ihren Antworten beurteilen.

Haben Sie ein Motto?
Nein, aber ich gehe mit einer Mahnung durchs Leben. Sie stammt von Peter Handke: »Am Grab meiner Mutter habe ich nur eines bedauert: ihr nicht zu Lebzeiten ein Kunstwerk aus Fragen vorgelegt zu haben.« Dass man einen Menschen nicht mehr liebt, erkennt man auch daran, dass man keine Fragen mehr an ihn hat.

Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Interviewpartner aus?
Nach Liebe, Bewunderung, Respekt vor großen Leistungen. Ich mag Menschen, die hoffen, dass es hinter dem Regenbogen ein Land zu finden gibt. Aus diesem Grund habe ich meinem Buch einen Satz von Jean Cocteau vorangestellt: »Wenn mein Haus in Flammen stünde, was würde ich retten? Zuerst das Feuer.« Einen Künstler oder dessen Werk nicht zu achten, würde mich morgens nicht aus dem Bett bringen. Jeder landet früher oder später auf dem Niveau, mit dem er sich abgibt. Wer den falschen Leuten gegenübersitzt, verbringt sein Leben in einer Marinade aus Ironie und Sarkas­mus. Wer will das?

Wer hat Sie besonders beeindruckt?
Alte, wie der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt, der Theaterregisseur George Tabori oder die Verlegerin Inge Feltrinelli. Menschen über siebzig sind gefährlich wahrheitsliebend, weil ihnen ihre Zukunft gänzlich egal ist. Die Aufstiegsstrampeleien liegen hinter ihnen, und es gibt kaum noch Lebende, auf die sie Rücksicht nehmen müssten. Für Interviewer sind Alte das Paradies. Die Klugen unter ihnen verwandeln Einsamkeit in Erkenntnis.

Sie haben viele Münchner Berühmtheiten interviewt, von Veronica Ferres über Charles Schumann bis Hubert Burda. Haben die einen bestimmten Habitus gemein?
Ja. Ich bin gebürtiger Hamburger. Unter den nobleren Hamburgern ist Geldausgeben eine Ausscheidung, die Diskretion verlangt. Aus diesem Grund bin ich so gern in München. Der Zeigestolz und die Lust am schönen Schein ist hier viel größer. Das trägt dazu bei, dass Münchner bessere Laune haben als Hamburger.

Sie haben mehrere Interviews mit Helmut Dietl geführt, eine Münchner Legende. Wie haben Sie ihn erlebt?
Dietl hatte das Glück, an Melancholie zu leiden. Sein Unglück war, dass seine Intelligenz nicht vor ihm selbst haltmachte. Bei unserer letzten Begegnung fragte er mich, ob ich eine Erklärung hätte, warum er seit Jahren nur noch schlechte Filme mache.

Gibt es in einem Interview Tabus?
Viele. Die Grenzen definieren Geschmack und Respekt. Weil er in einer Sparte der Unterhaltungsindustrie arbeitet, habe ich den schwulen Modedesigner und Hyperästheten Tom Ford mal gefragt, ob Sperma nun eklig schmecke oder nicht. Einem schwulen Politiker diese Frage zu stellen verbietet sich.

Was hat er geantwortet?
Ford ist Texaner. Er sagte ohne mit der Miene zu zucken: »No fuckin‘ clue, man, because I don’t swallow.« Übersetzt: »Keine Ahnung, denn ich schlucke nicht.«

Mit wem Ihrer Gesprächspartner würden Sie privat ein Bier trinken gehen?
Am ehesten mit dem Philosophen Peter Sloterdijk, weil diesem Mann unentwegt lustige Sätze von den Lippen perlen wie: »Hätte der Neoliberalismus Titten aus Zement – er sähe aus wie Heidi Klum.«

Neigen Sie auch privat zu Neugier und Seelenanalyse?
Im Gegenteil, meine Mutter fragt mich oft, wie ein Mensch, der so wenig spricht wie ich, überhaupt Journalist sein kann. Menschen, die ich liebe, analysiere ich nicht. Da man sich selbst kaum kennt, sollte man sich hüten zu glauben, man durchschaue andere. Niemand hat das schöner formuliert als der Schriftsteller Elias Canetti: »Einen Menschen kennen – einen Fluss in seine Bäche zerlegen.«

Wer steht noch auf Ihrer Wunschliste?
Der Papst zum Beispiel. Kann man noch an Gott glauben, wenn man vor einem Kindersarg steht?

Was machen Sie, wenn ein Star nicht mit Ihnen sprechen will?
Ich kann penetrant sein. Würde ich glauben, dass Königin Elisabeth II. ihre Post selbst liest, würde ich ihr jede Woche einen Bittbrief schreiben.

Wollen Stars auch etwas von Ihnen wissen?
Nein, ich bin für sie bloß das Trampolin, das sie für ihre Luftsprünge brauchen. Dass muss einen aber nicht kränken, denn Selbsthunger ist nun mal die Existenzgrundlage jedes Künstlers. Ein guter Interviewer überlässt die Bühne dem Befragten, denn es kann immer nur ein großes Ego im Raum geben. Marcel Reich-Ranicki erzählte gern, dass Schriftsteller nach vier, fünf Stunden Interview oft sagen: »Wir haben so lange nur über mich geredet. Jetzt möchte ich auch mal etwas über Sie erfahren. Wie fanden Sie mein letztes Buch«? Wenn Reich-Ranicki interviewt wurde, war er übrigens genauso.

Welche Frage wollten Sie schon immer mal stellen, sind aber nie dazu gekommen?
Es wäre die Schlussfrage in einem Gespräch. Sie lautet: »Welche Frage fehlt in diesem Interview? Bitte nur Ihre Antwort.«

(Sven Michaelsen war zwanzig Jahre lang Reporter und Autor beim »Stern« und schreibt heute für Magazine und Wochenzeitungen)

»Das drucken Sie aber nicht!« Die besten Interviews von Sven Michaelsen, Piper Verlag, 396 Seiten, 22 Euro www.piper.de

 

 

erstellt am: 17.04.2018

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Annekatrin Meyers

Journalistin

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