bearbeitet 5 1024x779 - A GENTLE LADY

ELISABETHMARKT

Was der heiße April dieses Jahr nicht gehalten hat, löst der lau­nische Mai ein: Er machte an seinen letzten Tagen, was er will. Gestern regnete es noch in Strömen, heute soll aber die Sonne mal durch die Wolken hervorluken. Hoffentlich: Ein Stadtspa­ziergang im Regen wäre nicht schön. Es ist 10 Uhr morgens. Gleich treffe ich Patricia Riekel, ehemalige Chefredakteurin der Illustrierten „Bunte“. Sie hat Boulevard-Journalismus salonfähig gemacht. Da fährt sie auch schon rufend und winkend an mir vorbei, in ihrem Smart Cabrio. Nach einer Minute eilt eine klei­ne blonde Dame in Schwarz mit blauer Kapitänsmütze auf mich zu. Das ist sie also, die Frau Riekel, von der ich schon so viel gehört hatte. Sie schüttelt mir die Hand und beginnt sofort zu erzählen: „Also, für unseren Stadtspaziergang habe ich darüber nachgedacht, was mir wirklich wichtig in München ist. Ich habe 35 Jahre lang in Schwabing gelebt, bis ich schweren Herzens nach Bogenhausen gezogen bin. In der Zeit bin ich dreizehn­mal umgezogen, immer in Schwabing und fast immer rund um den Elisabethmarkt.“ Dieser Ort sei für sie einer der schönsten Punkte der Stadt. Patricia Riekel will zunächst einmal nach­schauen, was aus dem „Zürer“ geworden ist, einer italienischen Weinhandlung auf dem Markt, bei der sich früher immer ihre Clique getroffen hat. Wir finden allerdings ein leeres Häuschen vor, das nun als Infostand genutzt wird – was Patricia Riekel enttäuscht zur Kenntnis nimmt. Bevor es losgeht, fragt sie noch schnell am Kiosk am Eck nach dem „See-Magazin“ einem Heft, spezialisiert auf das Fünf-Seen-Land. Aufgewachsen am Starn­berger-See, sei für sie das Wasser stets Zuflucht. Als Bodensee­kind kann ich das sehr gut verstehen.

 

FRANZ-JOSEPH-STRASSE

Wir stehen vor dem ehemaligen „Lord John & Lady Jane“, einer legendären Boutique, in der sich die Rockstars in den 70er- bis 90er-Jahren eingekleidet haben, wie Patricia Riekel mir erklärt: von den Rolling Stones bis Freddie Mercury, der ja einst auch in Schwabing lebte. „Die hatten die abgefahrensten Sachen: Rock´n` Roll Glitter, Glamourkleidung oder Jeans aus London. Der Laden war eine Lebensanschauung.“ Heute befindet sich ein anderes Geschäft in der Örtlichkeit. München war vor der Wende das Zentrum in Deutschland für Musik und Subkultur. Für Patricia Riekel war es eine Zeit des „Erwachens“, eine Phase in ihrem Leben, in der sie selbständig wurde und ihre eigene Stärke entdeckte. „Während ich mit Ihnen spreche, stelle ich fest, wie wichtig das hier alles für mich war. Ich hatte das ein bisschen vergessen.“

 

NORDENDSTRASSE

Der Charme der Nordendstraße in der Nähe des Elisabeth­markts mit seinen kühlen 60er-Jahre-Bauten eröffnet sich nicht sofort, aber für Patricia Riekel birgt die Straße sehr viele Er­innerungen. Wenn etwas mit schönen Erinnerungen verbunden sei, so meint sie, dann sehe man es mit den Augen der Liebe. Am Kurfürstenplatz war früher der „Gong“-Verlag, für den sie lange gearbeitet und dessen Sender „Radio Gong“ sie mitgegründet hat. Ganz in der Nähe wohnte sie sogar zweimal in der gleichen Straße. Patricia Riekel sagt, sie sei ein „wohnungssüchtiger“ Mensch. Sie habe mit einem 30-qm-Apartement angefangen und jede weitere Wohnung wurde stets etwas größer und schö­ner. Wir schauen kurz in die Weinhandlung „Nordendquelle“. Patricia Riekel begrüßt den Besitzer, dessen Onkel vor 41 Jahren den Laden eröffnete. Beinah so lange kauft sie hier auch schon ihren Wein. Sie schwärmt von der Qualität der Weine, die man sogar frisch vom Fass zapfen lassen kann – ein guter Tipp. Muss ich mir merken.

 

KURFÜRSTENPLATZ

Wir stehen vor dem ehemaligen „Radio Gong“-Gebäude. Pat­ricia Riekel sagt, dass sich in diesem Quartier früher ihr gan­zes Leben abgespielt habe. Sie war hier immer mit ihrem Vé­losolex unterwegs, einem französischen Mofa, das bis heute Kultcharakter hat. Sie deutet auf eines der oberen Geschosse des Hauses und erzählt, dass dort ihr Büro gewesen sei, als sie Chefredakteurin der Zeitschrift „Die Aktuelle“ war. Wie sie zum Boulevard kam, möchte ich wissen. Sie habe schon immer Geschichten über Menschen geliebt. „Den Boulevard kann man gewöhnlich betrachten oder eben von einer anderen Seite. Es ist eine Frage der Perspektive. Jeder Mensch hat Respekt und eine Würdigung verdient.“ Wie sind sie denn so, die Promis? „Ich habe festgestellt, dass Prominenz eine Sucht werden kann. Bei Menschen, die nichts anderes im Leben haben außer ihrer Pro­minenz, in denen steckt sonst nicht viel. Wirklich große Schau­spieler oder Sänger brauchen das nicht.“

 

 

KURFÜRSTENSTRASSE

Während unseres Spaziergangs durch Schwabing wirft Patricia Riekel immer wieder kurz ein, dass sie hier und dort mal ge­wohnt hatte und dieser oder jener Laden ebenda war. Sie kennt die Ecke wie ihre Westentasche. Sie bleibt vor der „Rheinpfalz“ stehen, einer Boazn, deren Wirt Hans Karp behauptet, er sei der Dienstälteste der Stadt. Patricia Riekel bestätigt, dass er bereits in den 70-ern hinter dem Tresen stand, als die „Rheinpfalz“ ihre Stammkneipe war. Es sei vor ungefähr zwei Jahren gewesen, als sie mit ihrem Mann an der Kneipe vorbeikam und sie ihm spon­tan das Lokal zeigen wollte. „Wir gehen hinein, der Hans sieht mich und sagt zu mir: `Servus Patricia! Dornkaart wie immer?` Als sei seit damals kein Tag vergangen.“ Bis zu dem Tag war sie über 20 Jahre nicht mehr dort gewesen. Wir beide müssen lachen. Ihr Mann konnte es kaum glauben, dass sie früher so einen Schnaps getrunken hat. Mit 80 Pfennig war ein Schnaps­glas Dornkaart das günstigste alkoholische Getränk gewesen. Sie gesteht, dass ihr Dornkaart nie wirklich schmeckte, aber zwei, drei Gläschen davon das Einzige war, was sie sich damals leisten konnte, „um in Schwung zu kommen“. Ich finde Patricia Riekel prima.

 

FRANZ-JOSEPH-STRASSE

Patricia Riekel hat einen unglaublichen „Zahn drauf“. Ich glau­be, weil sie sichergehen will, dass wir für all ihre Lieblingsecken auch genug Zeit haben. „Das ist die wunderbare Franz-Jo­seph-Straße. Ich habe hier so viele Geschäfte und Menschen kommen und gehen sehen, aber diese Straße ist unzerstörbar schön. Etwas von dem legendären Schwabing ist immer noch hier.“ Ich frage, ob es sie niemals in eine andere Stadt gezo­gen habe. Sie verneint, bevor ich meinen Satz beendet habe. „Ich bin so tief mit der Stadt verwurzelt und werde nie aufhö­ren, mich darüber zu freuen, dass ich in München lebe.“ Die Franz-Joseph-Straße hat auf dieser Höhe eine immense Dichte an Jugendstilbauten. Vor einem der schönsten Häuser erzählt sie mir, dass sie auch darin einmal gewohnt hat – und schon ist sie in der Hofeinfahrt verschwunden. Die Innenhöfe seien hier besonders hübsch. Und tatsächlich versteckt sich hinter der opulenten Fassade ein verwunschener Innenhof mit hochge­wachsenen Bäumen, in denen Vögel zwitschern. Merken: Öfter mal in Innenhöfe schauen!

 

TRAUSAAL MANDLSTRASSE

Wir passieren das Standesamt mit seiner Säulenfassade. Eine Hochzeitsgemeinde tritt gerade vor die Tür und wirft den frisch

Vermählten Blütenblätter zu. Perfektes Timing für uns und auch für die Sonne, vorbeizuschauen. Patricia Riekel ist hier immer mit ihren Hunden spazieren gegangen. Seit Kurzem hat sie den fünf Monate alten Emil. „Bei all meinen Hunden zuvor war ich der Chef, bei Emil bin ich es eindeutig nicht.“ Das sei schon lustig, wo sie es doch sonst gewohnt gewesen war, eine Autori­tätsperson für andere zu sein. 1997 übernahm sie die „Bunte“ und war somit bis auf eine kurze Ausnahme die erste Frau an der Spitze des Magazins. Sie holte das Blatt aus der Krise und machte es zu „der“ Illustrierten auf dem Markt. Ob es für sie schwer gewesen sei, sich damals Autorität zu verschaffen? „Ich war blond, klein und vollbusig und eigentlich mit gewissen Har­moniebedürfnissen ausgestattet. Ich musste es wirklich lernen, mich durchzusetzen. Aber, wenn man Kompetenz hat und sich auskennt, dann hilft das beim Durchsetzen. Ich habe gelernt, mich hundertprozentig auf meinen Instinkt zu verlassen und auf mein Bauchgefühl. Und das hat auch toll geklappt“, sagt sie fröhlich. Na, wenn das kein Satz ist, den man sich hinter die Ohren schreiben sollte!

 

NICOLAISTRASSE

Wir verlassen das alte Schwabing mit seinen netten Häuschen Richtung Leopoldstraße. „Früher gab es an der Leopoldstraße tolle Cafés und Bars: zum Beispiel das berühmte „Nest“ oder den Nachtclub „Die Klappe“. Dort gingen immer die Stars hin, aber die haben wir damals nicht wahrgenommen.“ Prominenz habe Patricia Riekel eh nie sonderlich beeindruckt, Können je­doch schon. Ich frage sie, welche Begegnung sie beruflich am meisten geprägt hätte. Sie entgegnet, das sei wohl die mit ihren Mann gewesen, der als Journalist eine hohe Verantwortung und Kompetenz gehabt habe – und wohl sehr genau sei. „Du konntest die beste Geschichte deines Lebens schreiben, wenn darin aber nur drei Kommafehler waren, dann hat er sich ge­ärgert. Wenn man bei den Kleinigkeiten schlampt, dann macht man es auch bei den großen Dingen. Später, als ich Chefre­dakteurin wurde, habe ich begriffen, warum Genauigkeit so wichtig ist. Man muss sich immer dieser unglaublichen Verant­wortung als Journalist bewusst sein, weil wir greifen ja in das Leben von Menschen ein.“ Ich weiß, dass Patricia Riekel ihren Mann, den ehemaligen „Focus“-Chefredakteur Helmut Mark­wort, bei der Arbeit kennengelernt hat, bin aber neugierig und möchte wissen, wie. „Ich bin in sein Büro gekommen, habe ihn am Schreibtisch sitzen sehen und war sofort beeindruckt von seiner Persönlichkeit, Normalität und Stärke.“ Hatte sie sich denn dann gleich in ihn verliebt? „Nach zwei Minuten“, sagt sie grinsend.

 

AINMILLERSTRASSE

In der vom Jugenstil geprägten Ainmillerstraße zeigt mir Patri­cia Riekel ein Eckhaus, in dem einst Helmut Dietl und Veroni­ca Ferres wohnten. Den Regisseur kannte sie gut. Sie nannten ihn den Zwinkerjohnny, weil er den Tick gehabt habe, immer mit den Augen zu zwinkern. Patricia Riekel glaubt, dass seine Frau immer noch in diesem Haus wohnt. Wir schauen auf den Klingelschildern nach und tatsächlich finden wir ein „Dietl“, aber auch ein „Süskind“. Mit Patrick Süskind ist sie zur Schule gegangen. Der Autor von „Das Parfum“ war mit Helmut Dietl befreundet und gemeinsam schrieben sie viele der Drehbücher für Dietls Filme – z.B. „Kir Royal“ oder „Monaco Franze“. Ein kleiner Teil Filmgeschichte – einfach so entdeckt.

 

ELISABETHMARKT

Am Ende unseres Spaziergangs stehen wir wieder vor dem Kiosk am Elisabethmarkt. Wir schauen uns die Zeitschriften­auslage an und ich frage sie nach ihrer Meinung, wie es wohl mit den Printmedien weitergehen werde. „Das Kino hat das Theater auch nicht abgelöst. Es wird Print immer geben, es wird sich nur verändern. Das Netz ist eine Nachrichtenschleu­der, Zeitschriften dagegen sind die Leuchttürme der Gesell­schaft. Themen wie Moral und Ethik können darin ganz anders abgehandelt werden. Früher war das Verlagsgeschäft ein `Gen­tlemen´s` Business, plötzlich wurde es ein Millionärsgeschäft, in dem es nur noch um Geld ging. Nun verwandelt es sich so langsam wieder in ein `Gentlemen´s Business`. Es geht wieder um Inhalte.“ „Dann sind Sie eine Gentle-Lady, sage ich zu ihr. Sie lacht und meint, sie sei ja keine Verlegerin. Für mich ist sie aber trotzdem eine.

 

erstellt am: 17.07.2018

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Annekatrin Meyers

Journalistin

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