chrins1 - NICHT immer alles AUF EINE KARTE SETZEN

Herr Haas, woran arbeiten Sie gerade?

Wie immer arbeiten wir gerade an vielen Dingen gleichzeitig, darunter an mehreren Projekten für deutsche Firmen, eine dänische und besonders viel im Moment für japanische Firmen wie Karimoku New Standard. Mein Schwerpunkt waren früher eher Produkte rund um den gedeckten Tisch, jetzt entwerfen wir auch viele Möbel und Leuchten.

Warum ausgerechnet Japan?

Ich hatte schon immer einen starken Bezug zu dem Land. Ich finde es wahnsinnig inspirierend. Während meines Studiums Ende der 90er absolvierte ich dort ein halbjähriges Praktikum und fand direkt einen Bezug zur japanischen Ästhetik. Die Bescheidenheit und der unglaublich hohe Anspruch an Qualität ist mir sehr nah. Ich habe dort dann an einer Ausstellung teilgenommen, auf der ich den Kreativdirektor von Karimoku New Standard kennenlernte, der mich zu einem Projekt einlud. Daraufhin folgten immer weitere Kooperationen.

Die Japaner und die Deutschen sollen ja eine ähnlich präzise Arbeitsweise haben. Ist das so?

Deutsche sind schon sehr zuverlässig, aber in Japan bedeutet sein Wort nicht zu halten, sein Gesicht zu verlieren. Dementsprechend besonnen gehen sie mit deiner Arbeit um. Bei einer Präsentation zum Beispiel bekommt man so gut wie nie sofort Feedback. Manchmal dauert die Antwort auf einen Entwurf sogar mehrere Wochen, aber wenn ein Japaner „Ja“ sagt, dann kann man sich auch hundertprozentig darauf verlassen.

Sie haben ja eben schon angedeutet, dass Sie mehrere Dinge parallel machen. Muss man als Designer mehrgleisig fahren, um zu überleben?

Die Möbeldesign-Branche sieht von außen betrachtet glamourös aus, aber es ist kein einfaches Business. Es ist weniger desillusionierend, nicht alles auf eine Karte zu setzen, sondern an mehreren Projekten gleichzeitig zu arbeiten. Dann ist es weniger enttäuschend, wenn eines davon nicht klappt. Ich wollte von Anfang an für Firmen arbeiten, weil daraus gute Synergien entstehen. Es ist ein stetiger Lernprozess, viele der Firmen bestehen seit Jahrzehnten und als Designer profitiert man von deren Erfahrung. Mir macht es Spaß, mich nicht nur auf eine Produktgruppe festzulegen.

Sie leben und arbeiten in Porto. Wie sieht dort ein typischer Arbeitstag für Sie aus?

Oh, so einen Standardarbeitstag gibt es bei mir nicht. Kreatives Chaos eben. Ich arbeite selten mehrere Stunden an einer Sache, meistens mach ich mal dies, mal das. Dann gehe ich zu einem anderen Projekt über, dann zeichne ich wieder etwas. Ich mag es zackig. Normalerweise arbeiten wir im Studio von 9 bis 19 Uhr, aber ich habe mir in Portugal angewöhnt, eine ausgedehnte Mittagspause zu machen. Es ist wichtig, mal raus und weg vom Rechner zu kommen. Ansonsten verbringt man noch viel Zeit mit Telefonaten, E-mails, Angebote schreiben. Das gehört nun leider auch dazu.

Und dann ist da auch noch Ihr Restaurant „Mondo Deli“ …

Ja, ich bin da zwar nicht täglich involviert, aber mehr, als ich gedacht habe.

Wie kam es denn dazu?

Ich war zehn Jahre in München. 2006 kam dann der Wunsch nach Tapetenwechsel, woraufhin wir nach Paris gezogen sind. Seit zweieinhalb Jahren sind wir nun in Porto und haben ein Haus mit großem Garten und viel Platz gefunden. Marcus, mein Partner, wollte schon immer ein eigenes Restaurant haben. So haben wir im ersten Stock das Studio eingerichtet, und im Erdgeschoss das „Mondo Deli“. Wir wollten ein Restaurant erschaffen, das es zuvor in Porto so noch nicht gab: mit internationalen Gerichten aus lokalen Zutaten, einer besonderen Gestaltung. Und es läuft gut. Wir haben fast nur Portugiesen als Gäste und viele Leute aus dem Kreativbereich.

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Ist die portugiesische Küche ein Genuss?

Sie ist nicht sonderlich vielfältig, aber lecker. Was internationale Küche betrifft, so findet man in Porto keinen einzigen Thailänder, dafür aber viele ausgezeichnete japanische Restaurants. Die Handelsbeziehung Portugals mit Japan zu Seefahrerzeiten haben beide Kulturen beeinflusst. Somit finden sich in beiden Küchen viele Parallelen: Yakitori beispielsweise mit portugiesischen Fleischspießen.

Ist Porto nicht sehr weit weg von den Designmetropolen?

Ach, ich bin immer noch genug unterwegs, um nicht den Anschluss zu verlieren. Man findet in Porto ein großes Handwerkertum, das die dürren Zeiten irgendwie überdauert hat. Wir haben einen gewissen Grundstock an Schreinern, Metallbauern und Polsterern und können recht viele Prototypen hier anfertigen lassen. Und es gibt unheimlich viele kleine Läden, die sich nur auf eine Sache spezialisiert haben. Dort zu stöbern finde ich sehr inspirierend. Ich lebe sehr, sehr gern hier.

Noch eine Frage zu Ihrer alten Heimat: Gibt es ein Gebäude in München, das Sie als Designer sehr schätzen?

Das, was mir jetzt zuerst in den Kopf kam, ist das Gelände zwischen Pacelli- und Maxburgstraße in der Nähe vom Oberpollinger, mit der freischwebenden Treppe und Innengärten. Ich finde das einen sehr gelungenen Gebäudekomplex aus den 50ern. Zeitlos modern.

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Interview: Annekatrin Meyers

 

erstellt am: 09.07.2017

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