unbenannt 4 - "MIR FEHLT DIE ANGST"

Als Marianne Kraai ihren Vortrag hält, ist es mucksmäusschenstill im Raum. Sie erzählt von ihren frustrierenden Erfahrungen mit Dating-Apps, die sie nach der Trennung von ihrem Freund ausprobiert hat. Die meisten Interessenten suchten auf diesem Weg ein schnelles Abenteuer. Marianne Kraai aber wollte etwas Ernsthaftes. Bei Tinder wurde sie überschwemmt von einer Masse an Bildern, die nichts über den Menschen verrieten. Marianne aber wollte Qualität. „Du gehst ja auch nicht gern in einen Schuhladen mit Tausenden von Schuhen, von denen keiner so richtig passt. Du magst es lieber, in einem kleinen, feinen Laden einzukaufen, der deinen Geschmack trifft.“

Und wenn es kein derartiges Geschäft gibt, dann muss man eben solch eins eröffnen. Das war Mariannes Idee: eine Dating-App, bei der sie sich selbst gut aufgehoben fühlen würde, eine App für Frauen. Das Publikum bei ihrem Vortrag, eine Frauenrunde, die sich einmal im Quartal zum Netzwerken trifft, ist begeistert. Das Thema trifft ins Schwarze. „mayze“ ist seit Februar im App Store erhältlich. Gemeinsam mit ihrem Partner Dominic Phillips hat Marianne Kraai sie konzipiert und entwickelt. In neun Monaten von der Idee zum fertigen Produkt, das ist schon ein Coup. Kaum zu glauben, dass die Holländerin, die am Rednerpult so souverän und in perfektem Deutsch über ihr Business spricht, erst 28 Jahre ist. Marianne ist eine Macherin, „geht nicht“ gibt es bei ihr nicht. Mit ihrer Entschlossenheit ist sie ein Vorbild für junge Frauen, die sich in der männerdominierten Internet-Branche behaupten wollen. Ein Grund, warum sie auch heute vor einem reinen Frauenpublikum spricht. Denn obwohl die beiden Gründer von „mayze“ alle Entscheidungen gemeinsam treffen, so ist die hübsche Marianne das Aushängeschild der Firma. Marianne hat sich anfangs unwohl dabei gefühlt, dass ihr Aussehen so oft zum Thema wurde.

Es sollte um ihre Ideen gehen, nicht um sie. Mittlerweile sieht sie ihre Attraktivität als Chance, Aufmerksamkeit für ihre Projekte zu bekommen. Inzwischen ist es ihr sogar ein Anliegen, Frauen zu ermuntern, ihre Weiblichkeit zu nutzen, anstatt sie zu negieren, nur, um mit Männern im immer noch patriarchal dominierten Wettkampf gleichzuziehen. Wenn sie spricht, liegt ihr leichter  holländischer Akzent wie ein wohliges Grundgefühl über ihren Sätzen. Mit Bedacht wählt sie die Worte, wenn sie über ihr Business spricht. Marianne ist überzeugt von ihrer App.

Seit 2011 lebt Marianne Kraai in München. Sie kam der Liebe wegen nach Deutschland. Schnell machte sie Karriere beim Mode-Start-up Stylight. Dort sammelte sie die Erfahrung und Kontakte, die ihr später nützlich sein sollten. Dann ging die Beziehung in die Brüche. Im Job boten sich keine neuen Herausforderungen,und so setzte Marianne alles auf eine Karte. Sie kündigte ihre Stelle, um sich ganz auf ihr eigenes Start-up konzentrieren zu können, suchte Rat bei Business Angels und erfahrenen Kollegen und gründete ihre Firma. Oft riet man ihr ab, im überlaufenen Dating-Markt auf eine weitere App zu setzen. Marianne war sich aber sicher, mit „mayze“ genau die Marktlücke zu schließen, die sich zwischen unverbindlichen Dating-Apps und seriösen, aber nicht Mobil-fähigen Online-Dating-Plattformen auftat. Hatte sie denn nie Zweifel? „Natürlich. Ein Start-up zu gründen ist wie eine Achterbahnfahrt. Man durchlebt extreme Höhen und Tiefen, zweifelt an einem Tag, am nächsten ist man wieder euphorisch, aber ich glaube an meine Intuition. Wenn ich bei jeder Kritik am Boden zerstört gewesen wäre, hätte ich gleich einpacken können.“

So ließ sie sich nicht irritieren und fand doch schnell Investoren, die ihr es ermöglichten, die App so zu entwickeln, wie sie es sich vorgestellt hatte: mit ansprechendem Design und einem Team, das die Bewerbungen der Mitglieder verifiziert und bei Bedarf auch hilft, sich besser online zu präsentieren. Denn darum geht es bei „mayze“: gute, aussagekräftige Profile anzubieten, um eine hohe Trefferquote zu ermöglichen. So müssen mindestens drei Bilder hochgeladen werden, Fotos „oben ohne“ oder mit Sonnenbrille sind nicht erlaubt. Filterfunktionen und  Profilangaben ermöglichen eine effiziente Suche nach Singles, die in der gleichen Stadt wohnen und zu einem passen. Die Gebundenheit an eine Stadt schließt kurzfristige Verabredungen mit Durchreisenden, die schnellen Sex suchen, aus. Die Nutzung kostet monatlich ab 9 Euro und sorgt mit diesem kleinen Aufwand eher für seriöse und aktive Community-Mitglieder. Nachdem „mayze“ erfolgreich in München gestartet ist, möchten Marianne Kraai und Dominic Phillips sie nun deutschlandweit platzieren.

Marianne kann die Menschen nicht verstehen, die einen Traum haben, aber aus einem ängstlichen Sicherheitsdenken heraus ihn nicht zu leben wagen. „Irgendeinen Job findest du immer, mit dem du dich über Wasser halten kannst. So schnell landest du in Deutschland nicht auf der Straße.“ Sie sei sehr froh, ihren Partner Dominic mit an Bord zu haben, der die App technisch entwickelt und sie bei allen Entscheidungen unterstützt. Für die beiden ging bisher alles gut, aber ein Start-up kann auch grandios scheitern.

Man müsse sehr viel Leidenschaft mitbringen und dürfe nicht schüchtern sein, so Marianne. Im Vorhinein hatte sie beispielsweise unzählige Frauen zwischen 20 und 40 interviewt, um herauszufinden, worauf es Frauen beim Online-Dating ankommt. Als die App so weit war, live zu gehen, engagierte sie Freunde und Bekannte, um sie zu unterstützen: „Ich nervte alle meine Single-Freunde so lange damit, sich bei „mayze“ anzumelden, bis sie es taten!“ Außerdem ging sie auf Bartours, um für ihre App Werbung zu machen. „Man darf sich nicht schämen, Menschen anzusprechen.“

Woher sie den Mut für all das nehmen würde? „Ich weiß nicht, irgendwie fehlt mir die Angst. Was soll mir schon passieren?“ Erfolg ist das Ergebnis.

 

erstellt am: 17.07.2017

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