MADAME BUTTERFLY - rush4
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MAYER‘ SCHE HOFKUNSTANSTALT, SEIDLSTRASSE

Ich bin zu spät, Mon Müllerschön scheint schon eine Weile da zu sein: Sie ist bereits am Plaudern mit einer Dame mit Katalog und Klemmbrett unter dem Arm. Mon Muellerschoen hat unseren Besuch offensichtlich gut organisiert. Die Eingangshalle zu den Werkstätten ist überwältigend: Ein 15 Meter hoher Raum, der an eine Kathedrale erinnert, mit ebenso hohen Fenstern. So viel Licht! Ich begrüße Mon Muellerschoen und die Dame, Frau Biechele von der Hofkunstanstalt. Obwohl ich noch kaum ein Wort mit Mon Muellerschoen gewechselt habe, fühle ich mich jetzt schon wohl mit ihr – sie wirkt sehr natürlich und wach. „Dieser Ort ist ein Schatz, weil man hier überall aus 170 Jahren Mosaike und Glaskunst entdecken kann. Mal kommt man hier rein, da hängt dann der Adler von Baselitz, den er für sein Haus in Imperia gemacht hat, oder eine Arbeit von Elsworth Kelly für seine Kapelle in Texas. Die große weite Welt in München. Das liebe ich hier.“ Künstler aus aller Welt lassen hier ihre Arbeiten in Glas anfertigen und wohnen und arbeiten während der Produktion auch immer wieder selbst im Haus. Die Familie Mayer, die in der fünften Generation die Hofkunstanstalt leitet, wohnt ganz oben. Sie sind gut befreundet mit Mon Muellerschoen, für die dieses Gebäude ein Hort der Kreativität ist. Aufgeregt beginnt sie gemeinsam mit Frau Biechele die Führung in eine Welt aus buntem Glas und Mosaik.

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Im ersten Raum erwartet uns ein lichtdurchfluteter Saal mit einem gigantischen Tisch in der Mitte. Auf ihm sind Stücke eines großen Mosaiks ausgebreitet, an denen fünf Kunsthandwerker präzise Stein für Stein passend schlagen, um diese in das Bild einzusetzen. Eine italienische Mitarbeiterin erklärt uns den Unterschied zwischen mexikanischem und italienischem Glas: das mexikanische schimmert mehr. Wenn das Mosaik fertig ist, wird es 20 Meter lang und 4 Meter hoch sein und nach LA gebracht, wo es in einer U-Bahn-Station aufgebaut wird. Das ganze Jahr wird man an diesem Bild arbeiten. Die Amerikaner würden viel mehr Geld für Kunst ausgeben, erklärt mir Mon Muellerschoen. In Deutschland gebe es das Mäzenatentum seit dem 19. Jahrhundert nur in Frankfurt, durch die Stiftungen von Johann Friedrich Städel. Die Frankfurter seien daran gewöhnt, für Kunst zu spenden, aber in anderen deutschen Städten kenne man das kaum. „Zum Glück gibt es in München aber einige großartige Initiativen wie die „PIN“, die „Freunde der Pinakothek der Moderne“, oder die Fördervereine der Villa Stuck oder des Haus der Kunst. In den letzten Jahren passiert ein Umdenken, weil die Museen nicht mehr so viel Geld haben. Aber bis das wirklich in unserer Gesellschaft angekommen sein wird, wird das leider noch etwas dauern.“ Sie fügt hinzu: „ Wir waren hier mit einer privaten Sammlerinitiative, die völlig fassungslos war, dass hier solche Schätze liegen und sie noch nie zuvor von der Mayer‘schen Hofkunstanstalt gehört hatten. Glaskunst und Mosaik existiert leider nicht mehr in unseren Köpfen, und das ist schade. Seitdem habe ich einen Traum, von dem ich Ihnen unbedingt später erzählen muss.“

Wir gehen weiter, vorbei an Regalen voller Glasplatten in jeder erdenklichen Farbe. Die Türkis- und Blautöne sind überwältigend schön. Mon Muellerschoen meint, sie könnte sich reinlegen in so einen Farbberg. „Vermutlich faszinieren mich diese Farben auch aus dem Grund, weil sie mich an die Farben von Schmetterlingen erinnern. Mein Vater hatte eine der größten Schmetterlingssammlungen Europas, so zwischen 150.000 und 200.000 Exemplaren.“ Ihre Stimme wird nüchtern. „Ich bin mit dem Massenmord an Schmetterlingen aufgewachsen.“ Wie sie das meine? Sie erzählt mir, dass ihr Vater auch Schmetterlinge züchtete, um sie dann zum Archivieren zu töten. Als Kind musste sie ihm dabei helfen, das fand sie schrecklich. Was für eine verstörende Wirkung diese zarten Falter auf sie haben müssen. Das hat irgendwie auch etwas Poetisches. In der nächsten Werkstatt wird gerade an Fenstern für „Schloss Drachenburg“ gearbeitet. Mon Muellerschoen und ich müssen beide schmunzeln: der perfekte Name für eine Abenteuerburg. Der perfekte Name für eine Frau wie sie, finde ich übrigens, den hat auch sie. Mon Muellerschoen klingt wie ein Fräuleinwunder: besonders, unprätentiös und schön. Sie erzählt mir davon, wie groß diese Glaskunstmanufaktur früher einmal war. Vor 170 Jahren war das Stiglmaierplatz-Areal Stadtrand und alles hier war Hofkunstanstalt. Jetzt sind nur das Haus, in dem wir uns befinden, und die Druckerei übrig geblieben.

In einem der Künstlerateliers stehen Glasbilder der Künstler Julian Opie und Kiki Smith beinah nebensächlich an Staffeleien oder an Fenster gelehnt. Sie scheinen jeden Tag darauf zu warten, dass das Licht sie besucht, um sie zum Leuchten zu bringen. Mon Muellerschoen schwärmt immer wieder von zeitgenössischen Künstlern, während unseres Gesprächs bemerke ich aber auch ihre Fachkenntnisse in antiker Kunst. Woher sie das alles weiß? Sie hat neben Kunstgeschichte auch Archäologie studiert. Spätestens jetzt hat sie mich. Als Kind wollte ich entweder Künstlerin oder Archäologin werden.

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PINAKOTHEK DER MODERNE

Auf dem Weg zum Museum spricht Mon Muellerschoen nun ihre Idee an: „Seitdem Siemens umgebaut hat und das Gelände zugänglich geworden ist, könnte man theoretisch von hier aus gemütlich zum Wittelsbacherplatz spazieren – wenn man diesen unsäglichen Knotenpunkt an Autostraßen überwinden könnte.“ Inspiriert von der „High Line“ in New York (einer zum Fußgängerweg umgebauten Güterzugstrecke) kam ihr die Idee einer „Munich High Line“: ein Fußgängerübergang von der Gabelsbergerstraße zum Wittelsbacherplatz. Diese Idee ist nicht neu (Peter Eduard Meier berichtete mir davon im letzten „Stadtspaziergang“), aber ihr Konzept schon. Der Übergang soll eine „Kunstbrücke“ werden, die von Künstlern und Kunsthandwerkern gestaltet wird und somit zum Verweilen einlädt. Sie habe schon einige Münchner Firmen beisammen, die sich mit Kunst befassen und die Brücke gestalten würden. Nymphenburg Porzellan würde mitmachen oder eben auch die Mayer‘sche Hofkunstanstalt. Sie soll vier Aufgänge haben und aus der Luft betrachtet an die Form einer Krake erinnern. Entwürfegibt es schon. Mon Muellerschoen möchte eine schwebende Ausstellungfläche für Künstler schaffen. Dabei ist es ihr wichtig, dass die Münchner bei der Umsetzung eines solchen Projektes beteiligt sind. „Die ‚Munich High Line‘ soll etwas von Münchner für Münchner sein. Die ansässigen Galerien und Museen würden davon profitieren, aber auch Siemens. Dort, wo sonst nur Autos rasen, könnte endlich Leben sein.“ Mon Muellerschoen weiß, es wird nicht leicht werden, das zu finanzieren, obwohl sie bereits Fürsprecher in der Stadtpolitik hat. Sie hat es sich aber zur Mission gemacht, die Münchner davon zu überzeugen für die Brücke zu spenden. So teuer würde es gar nicht werden. Und, da die Renovierung des Altstadtring- Tunnels eh in Kürze ansteht und alles aufgerissen wird, könnte man doch beide Bauprojekte miteinander verbinden. Sie findet, dass die Stadt architektonisch ruhig mal wieder etwas wagen dürfte.

LARGE RED SPHERE, TÜREKENSTRASSE

Wir betreten den steinernen Kubus neben dem Museum Brandhorst, der um die Reste des früheren Türkentors herum gebaut ist. Die 25 Tonnen schwere Granitkugel des Künstlers Walter de Maria steht kraftvoll ruhend im Inneren des luftigen Raumes – die schwebende Decke auf Säulen, die den Blick in den Himmel gewährt, gibt dem Raum etwas Sakrales. Mon Muellerschoen geht hierhin, um zur Ruhe zu kommen. Auch jetzt merke sie, wie in ihr Ruhe einkehre. Ich spüre es auch bei mir. Verrückt, dass ich diesen Ort noch nicht kannte. Wir sprechen über Los Angeles, wo sie gerade die letzte Woche verbracht hat. Sie hat in den 90ern dort gelebt, und Kalifornien ist für sie immer noch ein Sehnsuchtsort. Von den Amerikanern habe sie gelernt, dass man nicht „Nine-to-five“ arbeiten könne, um erfolgreich zu sein. Für ihre Kunden steht sie auch am Wochenende und abends zur Verfügung. Aber das mache ihr nichts aus, sie liebt ja ihren Job, der sie vollkommen ausfüllt. „Ich habe ja das große Glück, die interessantesten Menschen kennenlernen zu dürfen, Visionäre zu treffen, die spannendsten Häuser anzuschauen.“ Um herauszufinden, welche Kunst die passende für ihre Kunden ist, muss sie doch bestimmt in die Psyche eines Menschen blicken können. „Ich kann sehr gut mit Menschen umgehen, die von etwas besessen sind – ob als Sammler oder als Künstler. Ich kenne von meinem sammelwütigen Vater das Gefühl, unbedingt etwas haben zu wollen.“

KANTINE DER AKADEMIE DER KÜNSTE

Mon Muellerschoen geht hier oft zum Mittagessen hin. Sie liebt die Energie der jungen Menschen und begegnet dort auch immer wieder Nachwuchstalenten. In ihrem Job muss sie auf dem Laufenden bleiben und in München passiere da viel mehr, als man denkt. Man spreche immer nur von Berlin, dabei gäbe es hier viele großartige junge Galerien. Sie möchte mehr für die öffentliche Wahrnehmung der Münchner Kunstszene tun. Deshalb freue sie sich auch so, mir von der Kunstbrücke erzählen zu können. Wir setzen uns und trinken eine Schorle, eine Studentin kommt zu uns an den Tisch und begrüßt Mon Muellerschoen. Sie plaudern einen Moment. Als sie gegangen ist, lobt Mon Muellerschoen das Talent der jungen Frau. Ich möchte von ihr wissen, wie sie sich das alles zutraut. Wenn sie über die „Munich High Line“ spricht, dann klingt es so mühelos. Sie sagt, sie denke schon sehr gründlich über alles nach, was sie sich vornimmt. Sie habe noch so viel vor und keine Zeit zu viel über alles nachzudenken. Und man müsse sich auch mal was trauen. Dieses Projekt sei eben ihr Traum. „Ich mach’s jetzt einfach mal. Mal schauen, wie weit ich komme.“ Ich drücke fest die Daumen, dass ihr Traum in Erfüllung geht.

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Porträt
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erstellt am: 23.03.2017

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