unbenannt 4 - Flammendes Herz

Schwarze Flügel, verzierte Herzen, Kreuze aus Porzellan … Die symbolhaften Schmuckstücke von Patrik Muff erinnern an die Ausstattung zu einem Shakespeare-Drama. Sie wären erst recht die perfekten Requisiten für Baz Luhrmanns überladenes Filmwerk „Romeo + Juliet“ von 1996 gewesen. Liebe und Hass, Schönheit und Grausamkeit, Romantik und Punk – allegorische Gegensätze, die sowohl im Film als auch in Patrik Muffs Goldschmiedekunst spielerisch aufgelöst werden. Das Highlight wäre bestimmt eines seiner reich verzierten Silberkreuze auf Leonardo di Caprios damals noch schmaler Brust gewesen …

Aber Patrik Muff gestaltet nicht in Hollywood, sondern glücklicherweise in München in der Ledererstraße 10. Aufgewachsen in einer Kunsthandwerkerfamilie bei Luzern, kam Patrik Muff schon früh in Berührung mit Handwerk und Naturmaterialien. Die Mutter war Porzellanmalerin, der Vater Möbelschreiner. Ihre selbstgemachten Waren boten sie auf Märkten an, der 12-jährige Patrik tat es ihnen gleich und verkaufte für zwei Franken das Stück von ihm gebastelte Ohrringe auf dem Schulhof. Mit 14 Jahren folgte eine Lehre zum Goldschmied. Nach dem Schweizer Militär zog es ihn mit 23 Jahren nach Köln zum Kunststudium an die Fachhochschule. Nebenbei führte er eine Künstlerkneipe und tauchte tief in die Kölner Kunstszene ein, die Ende der 80er-Jahre ein Mekka für Kreative war. Damals experimentierte er viel mit Materialien und produzierte sogenannten „Autorenschmuck“ mit einer stark künstlerischen Ausprägung. Mit selbst gefertigten Ringen an jedem Finger bewaffnet, besuchte er Rockkonzerte, um sie Backstage an Bands wie Sepultura oder Motörhead zu verkaufen. Sein massiver und ornamentaler Männerschmuck lässt auch heute noch harte Rockerherzen höher schlagen. Nach einigen wilden Jahren in Köln packte Patrik Muff die Abenteuerlust. Er reduzierte sein Hab und Gut auf das Nötigste, richtete sich eine kleine mobile Goldschmiede in einem VW-Bus ein und fuhr damit los, um für zwei Jahre auf Weltreise zu gehen. Aber bereits in München, seiner zweiten Station, sollte die Reise wieder vorbei sein, natürlich wegen der Liebe. Die Freundin ging, die Liebe zu München nicht. Vor zwölf Jahren lernte er hier seine heutige Frau Bele kennen, die sein ungeordnetes Künstlerdasein in strukturiertere Bahnen lenken sollte.

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Bele und Patrik Muff

Seitdem kümmert sich die studierte Grafikdesignerin um die Identität der Marke „Patrik Muff“ – von der Gestaltung der Kataloge, über die PR bis zum Fotografieren der Kollektionen. Inzwischen sind seine Arbeiten feiner und subtiler geworden. Sein Werkraum und Laden befindet sich seit 2014 in der Münchner Ledererstraße, umgeben von alteingesessenen Geschäften, was Patrik Muff sehr schätzt: „Ich bin mega angekommen“, sagt er strahlend beim Besuch im Atelier, das an ein naturhistorisches Institut erinnert: alte Vitrinen, eine beachtliche Sammlung an Tierskeletten und Schädeln, dazwischen Bücher über Insekten, Old School Tattoos und barocke Kunst. Er ist ein Fan des Readymade, das sakral und morbid anmutet. Beim Besuch des katholischen Gottesdienstes schaute er sich als Kind ganz genau die Fresken und Schnitzereien in der Kirche an. Das Symbolhafte der religiösen Ästhetik fasziniert ihn bis heute: „Ich liebe einfach das Florale, Überladene,  Geschichten Erzählende. Ich fülle schon gerne auf und verziere wahnsinnig gern.“ Dass sein Schmuck trotz Liebe zum Dekorativen nicht lieblich wirkt, liegt an Muffs unverwechselbarer Mischung aus feiner Handarbeit und skulpturalen Formen. Der Perfektionist schnitzt jeden Entwurf in seiner Werkstatt selbst, anschließend wird er außer Haus gegossen.

Die Form seiner „Käfer“ hat er erfunden, dabei sehen die Modelle so echt aus, dass man sie für Kopien von existierenden Insekten halten könnte. Des Weiteren bedient er sich beim Fertigen mancher Stücke einer unüblichen Methode: Um die Oberfläche seines Schmucks auf eine ganz eigene matte Art schimmern zu lassen, bearbeitet Patrik Muff im Gegensatz zu anderen Goldschmieden die sogenannte Gusshaut nicht. Diese entsteht, wenn Gips und Metall aufeinandertreffen und wird normalerweise weggefeilt. Jene leicht unruhige und matte Oberfläche ist aber genau das, was ein „Patrick Muff Stück“ so unverwechselbar und zeitlos macht. An Männern wirkt es martialisch, an Frauen selbstbewusst. Mit seinen unzähligen Seemannstattoos und der kräftigen Erscheinung ist er zu seinem eigenen Schmuckstück geworden: auf den ersten Blick rau, auf den zweiten fein geschnitzt. Patrik Muff ist ein herzlicher Mensch, der sichtbar große Freude an seinem Beruf hat. Als Künstler liebt er es auch, sich mit anderen Medien auseinanderzusetzen und sich der Strukturen großer Unternehmen zu bedienen. So entstanden erfolgreiche Kooperationen mit renommierten Firmen wie Birkenstock oder Nymphenburg Porzellan. Die Zusammenarbeit mit Letzterer ermöglichte einen weiteren spannungsreichen Aspekt für seinen Schmuck: Neben dem zarten Weiß des Porzellans kamen auch Farbelemente hinzu. Besonders bekannt sind die roten Porzellananhänger in Form von Korallen. Was er noch gerne machen würde? „Eine Jeans und als Schweizer würde mich noch besonders reizen, mit einer Schweizer Messerfirma zusammenzuarbeiten.“ Wir sind sicher, dass auch dieses Ergebnis einzigartig werden würde.

 

erstellt am: 26.12.2017

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Annekatrin Meyers

Journalistin

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