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Annette Roeckl leitet das Traditionsunternehmen „Roeckl“ in der sechsten Generation. Bei unserem „Stadtspaziergang“ spricht sie über Veränderungen und Herausforderungen – und zeigt uns das beste Eis der Stadt.

Maibaum am Viktualienmarkt
Es ist einer der ersten heißen Tage in diesem Jahr. Ganz München will es sich heute nicht nehmen lassen, den Tag draußen zu verbringen. Es ist Mittagszeit, die Biergärten am Viktualienmarkt sind voll. Endlich Sommer! Ich treffe Frau Annette Roeckl an dem einzigen schattigen Plätzchen nebem dem Maibaum, dem Ort, von dem aus Frau Roeckl unseren gemeinsam Spaziergang beginnen möchte. In einem pinkfarbenen Tweedkleid mit passendem Seidenschal, natürlich aus eigenem Hause, begrüßt sie mich strahlend. Sie freut sich über das schöne Wetter und über das bunte Treiben auf dem Viktualienmarkt, der, wie sie findet, eine Oase völlig jenseits von jeglicher Stadt ist, obwohl er mitten im Herzen davon liegt. Sie liebe die Vielfalt dieses Ortes und seine Multikulturalität. Hier treffe das münchnerische Geerdete auf die weite Welt. Dieser Kontrast inspiriere sie und habe sie veranlasst, sich hier mit mir zu verabreden. Märkte allgemein hätten für sie eine besonders starke Anziehungskraft, weil sie ein Zeichen für pulsierendes Leben seien und einen starken Einblick in die Kultur eines Landes ermöglichten. „Wenn man sich hier unter die Kastanienbäume setzt, ist es eine ganz andere Welt, als wenn man sich zum Fisch Witte setzt.“ Schon als Kind war sie gern hier, um den Marktleuten zuzuschauen. Annette Roeckl kommt aus einer Familie, die in der sechsten Generation Handschuhe fertigt. Sie wuchs mit der Liebe zur Handwerkskunst und zum Material auf. „Da kommt man gar nicht drum herum,“ sagt sie. Ich frage sie, ob sie nie den Wunsch verspürt habe auszubrechen, etwas ganz anderes zu machen. „Natürlich. Solche Phasen hat wohl jeder. Da gibt es doch diesen Satz: Erwachsen sein bedeutet, dass man die Dinge macht, ‚obwohl`sie dir die Eltern empfohlen haben. Ich habe früher vieles anders als meine Eltern gesehen, aber entscheidend ist dann, den eigenen Weg zu gehen und nicht zu trotzen.“ 2003 übernahm sie die Firma von ihrem Vater. Sie sei zwar in diese große Aufgabe hineingewachsen, aber es sei trotzdem ein Prozess gewesen, bis sie begriffen hatte, dass sie nun die erste und die letzte sein würde, die zu entscheiden hat. „Dabei habe ich gelernt, dass Verantwortung nicht antizipierbar ist. Wenn sie da ist, ist sie da. Und dann beginnt man sie zu spüren, automatisch danach zu handeln. Das ist schon ein enormer Unterschied zu dem, wie wenn da noch jemand ist.“ Wir brechen auf zu unserer nächsten Station. Weil es so heiß ist und wir nicht mit dem Rad unterwegs sind, gönnen wir uns ein Taxi.

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Rosengarten
Der Rosengarten nahe der Isar hat etwas Verwunschenes. Der Garten ist nicht penibel englisch angelegt, sondern alles scheint so zu wachsen, wie es gerade mag. Durch einen bepflanzten Torbogen treten wir ein in eine idyllische Welt: Die Vögel zwitschern, die Bienen summen und die Pfingstrosen sind gerade am Erblühen. Selbstredend müssen wir gleich an ihnen schnuppern. Frau Roeckl im rosa und ich im weißen Kleid fügen uns prima in die Umgebung ein. Während sie mir selig die unterschiedlichen Lilienarten erklärt, schlendern wir weiter. Sie kennt sich gut aus. Die Natur sei ihre größte Inspirationsquelle und hier könne sie entspannen. Früher war sie öfter hier, jetzt habe sie leider nicht mehr so viel Zeit. Sie vergleicht die immer wieder erblühende Natur mit Modekollektionen, die kommen und gehen und wieder aufblühen. „Nach einer Blütezeit gibt es ja oft Zeiten, in denen alles zu stagnieren scheint. Dabei ist es vielleicht nur wie im Winter, wenn sich die Samen für die nächste Wachstumsphasevorbereiten.“ Diesen Gedanken findet sie tröstlich. Ich auch. Die Schönheit von Blumen kann einem die Sinne wieder öffnen, wenn sie durch zu viele Einflüsse eng geworden sind. So langsam kehrt auch bei mir sommerliche Leichtigkeit in meinen vollen Kopf. In dem Moment fragt mich Frau Roeckl, ob ich ein Eis haben möchte. Jaaaa!

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Weg an der Isar zum Roecklplatz
Wir gehen den kleinen Weg unter Bäumen entlang, der parallel zur Isar verläuft. Hier im Schatten ist es herrlich kühl, neben uns sitzen Menschenmassen am Ufer und sonnen sich. Frau Roeckl erzählt von ihrer Zeit, als sie noch in der Stadt gewohnthat und die Isar noch nicht renaturiert war. Vor zehn bis 15 Jahren trat die Isar regelmäßig so stark über das Ufer, dass das Hochwasser bis nach Thalkirchen floss. Seitdem hat sich das Gebiet zu dem stark frequentierten Naherholungsgebiet entwickelt, das es jetzt ist. Auf der Wittelsbacherbrücke zeigt Frau Roeckl in Richtung des Heizkraftwerkes München Süd. Für viele Münchner ist es ein Schandfleck in der idyllischen Kulisse des Isartals. Sie hingegen schätzt den Spannungspol sehr, den das industrielle Gebäude in seiner grünen Umgebung erzeugt. Ohne es fände sie den Blick nach Süden langweilig. Frau Roeckl mag Kontraste.

Roecklplatz
Wie es wohl ist, wenn man an einem Ort arbeitet, der den eigenen Namen trägt? Meine Arbeitsmotivation wäre sicher enorm größer. Nun stehe ich also mit Frau Roeckl am Roecklbrunnen am Roecklplatz. Sicher findet sie das auch nicht schlecht. Frau Roeckls Ururgroßvater wagte damals den Schritt, die Firmenproduktion von der Innenstadt in die ehemalige Staubstraße zu verlegen, die seinerzeit noch außerhalb der Stadt lag. Zweifler, die sich damals fragten, wie er nur so viele Arbeitskräfte dorthin bekommen würde, belehrte er eines besseren. Die Firma war um 1900 der zweitgrößte Arbeitgeber in München. Das von Christian Roeckl 1871 erbaute Firmengebäude wurde nach den Plänen des Architekten Gabriel von Seidl vor den Toren Münchens errichtet und im Volksmund „Roeckl Schloss“ genannt. Es stand für innovative Architektur zu Beginn der Industrialisierung. Das Gebäude wurde in den 70ern abgerissen. Ich frage Frau Roeckl, wie sich denn München im Laufe der Jahre noch verändert hat. „Es verändert sich laufend. Zum Beispiel hier: Das Viertel um den Roeckplatz hieß früher das ‚Glasscherbenviertel` und war ein Vorstadtviertel, heute ist es schick. Zwar ist alles schön renoviert und die Substanz der Gebäude bleibt erhalten, aber es findet dadurch leider auch soziale Verdrängung statt.“

„Eiscafé Italia“ am Roecklplatz
Frau Roeckl schwärmt, hier „Eiscafé Italia“ gebe es das beste Eis der Stadt. Als wir draußen Platz nehmen, wird Frau Roeckl von einem singenden Kellner begrü.t. Sie sagt, sie sei so oft hier, dass man ihre Lieblingssorten kennen würde. Was sie dieses Mal nehmen wird? Schokolade und Haselnuss, geht immer. Wir kommen noch einmal auf das Thema Veränderung zu sprechen, ein Thema, das Frau Roeckl anlässlich der aktuellen Lage ihrer Firma nur zu gut kennt. Vor drei Jahren feierte Roeckl sein 175-jähriges Jubiläum. Anlässlich dessen hatte sich Frau Roeckl noch einmal eingehend mit der Geschichte des Hauses befasst. Dabei habe sie festgestellt, dass es in jeder Generation substanzielle Herausforderungen gab, die gemeistert werden mussten. Sie spricht über die gegenwärtige geringe Anerkennung von Qualität und darüber, dass man heute irgendwo alles immer noch etwas billiger finden kann. Eine Firma, die ihre Mitarbeiter anständig bezahlt und auf hohe Qualität setzt, hat es da nicht leicht. Ich frage sie, wie sie mit Krisen umgeht. „Krisen kommen genauso sicher wie das Amen in der Kirche – genauso wie Veränderungen. Es gibt dagegen kein Rezept in Form einer Handlungsanweisung, sondern nur in Form von Haltung. Und mit Haltung meine ich Mut. Es geht darum, innerlich zu bejahen, dass Krisen zum Leben gehören, nicht davonzulaufen, sondern sich zu überlegen, was ich tun kann, um da wieder herauszukommen.“ Ihre kluge Antwort kommt klar und prompt. Ich habe einen Menschen vor mir, der sich schon viel mit den Dingen des Lebens beschäftigt hat. Für sie steckt in dem geflügelten Wort „Aus der Krise eine Chance machen“ ein Lebensmotto. Eine Krise würfle alles durcheinander und man sei gezwungen sich darin neu zu erfinden. Dadurch sei man raus aus dem Gewohnten und beginne grundsätzlich die Dinge infrage zu stellen. Es gibt Werte, die sie aus der Geschichte des Unternehmens mitnehmen werde, aber sie müsse auch wach für die Zukunft sein und schauen, was der Zeitgeist 2017 fordert. „Das ist zwar anstrengend, aber heilsam.“

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Roeckl-Archiv
Wir sind in einer Kammer auf dem Dach des Roecklgebäudes, dem Archiv, das die Schätze aus 178 Jahren Lederhandwerk birgt. Frau Kubanek, die Archivarin, hat bereits einige Schubladen für uns vorbereitett. Strahlend führt sie uns zum ersten Schatz aus ihrem Reich, einer Schublade mit Damenhandschuhen, die über 120 Jahre alt sind. Sie sind so gut erhalten, dass man meinen könnte, sie seien erst gestern genäht worden. Die schmalen Finger klären aber schnell über das wahre Alter auf: Solche zarten Kunstwerke können nicht für die viel größeren Hände einer Frau von heute gemacht worden sein. Ich würde gerade mal mit dem kleinen Finger in den Daumen eines dieser Stücke passen. Frau Roeckl reicht mir einen sogenannten Fingerweiter. Das ist, so erklärt sie, eine edle Zange, mit der die Damen damals das Leder ihres Handschuhs vorweiteten, um ihn dann langsam überstreifen zu können. Sie schwärmt von der Sorgfalt, mit der man sich früher den schönen Dingen gewidmet hat, und reicht mir erwartungsvoll einen besonders anmutigen Handschuh: hauchdünn, wie eine zweite Haut, wunderschön. Ich will mehr sehen! Beschwingt von meiner Begeisterung bittet Frau Roeckl Frau Kubanek, eine weitere Schublade zu öffnen. Darin verbirgt sich eine besonders wichtige Kostbarkeit, das Meisterstück von Jakob Roeckl: eine eindrucksvoll gearbeitete Hose aus Rehleder, auf deren Basis er 1839 seine Firma gründete. Mit dem Bestehen der Meisterprüfung wurde Jakob Roeckl zum Säckler und konnte von nun an sein eigenes Unternehmen aufbauen. Das aufwendig genähte Stück mit den feinen Stichen und dem hellen umsteppten Leder wirkt so, als würde es leuchten – derart prächtig erhalten ist noch seine Farbe. Frau Roeckl vermutet, dass die helle Farbe des Leders durch Bleichen im Mondlicht erreicht wurde. Früher wurde Leder im Mondschein gebleicht, weil er stärker aufhellt als Sonnenlicht. Wie mystisch, das gefällt mir! Frau Roeckl zeigt mir stolz den Kummerbund, passend zur Hose. Die Natur war auch schon für ihren Urururgroßvater Inspirationsquelle: Der zweifarbige Kummerbund ist mit filigranen Blattornamenten bestickt – und sogar noch vollkommen elastisch. „Damals gab es noch kein Gummiband“, erklärt uns Frau Kubanek, „deshalb sind darin Dutzende winzige Metallfedern eingenäht, um größtmöglichen Tragekomfort zu gewährleisten“. Das Archiv ist wie ein Museum für die feine Dame. Auch wenn sich hier ebenso Stücke für den Herren verstecken, so sind es eben die verspielten Dinge, die besondere Aufmerksamkeit erregen: Aufnahmen von Roeckl-Boutiquen um die Jahrhundertwende, Alben voller jahrzehntealter Werbeillustrationen, Handschuhschatullen – die Handschuhe, die für den Film „Das Parfum“ gemacht wurden – und zu guter Letzteine Armstütze aus Leder und Messing, auf der die Dame ihren Arm abstützte, um einen Handschuh galant überstreifen zu können. Ich könnte Stunden hier verbringen.

2. Stock des Roecklgebäudes (Showroom)
Hier werden alte und neue Stücke wie in einer Art Showroom präsentiert – der Kreis schließt sich. Es ist Zeit, sich zu verabschieden – schade. Ich habe eine Frau mit einer besonnenen Geisteshaltung kennengelernt, über die ich gern noch mehr erfahren hätte. Wenn es jemand schafft, Tradition und Veränderung unter einen Hut zu bekommen, dann ist es Frau Roeckl. Und ich werde definitiv mehr Handschuhe tragen.

erstellt am: 12.07.2017

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