mod IMG 2270 - MÜNCHNER GESCHICHTEN

GAMSBAR

Herr Meier ist ein Gentleman. Das weiß man gleich, wenn man ihn kennenlernt. Ich treffe ihn in Ed.Meiers Gamsbar, wo
er viele seiner Termine wahrnimmt, gleich neben seinem Geschäft in der Brienner Straße. Es ist Samstagmittag, Herr Meier sitzt in einer Ecke, von der aus er einen guten Überblick auf die Bar und sein Personal hat. Er begrüßt mich mit angedeuteter Kusshand. Herr Peter Eduard Meier wird mit mir durch München schlendern, mir seine Lieblingsorte zeigen. Wir werden ein bisschen plaudern – Herr Meier und Frau Meyers.

Herr Meier erzählt gleich, was er mir alles bei unserem Spaziergang zeigen möchte. »Ich muss Ihnen ein kleines Geheimnis im Arco Palais zeigen«, sagt er, »da hängt ganz versteckt in der Passage ein herrliches Gemälde vom Bauherrn persönlich mit prächtigen Birkhahnfedern auf dem Stopselhut. Aber jetzt essen wir erst einmal etwas. Wir haben ein sehr gutes Gulyás.« Der Stolz auf sein Unternehmen, das früher Hoflieferant des Königs war, merkt man ihm an. Seit über 30 Jahren führt er gemeinsam mit seiner Schwester Brigitte das Haus Ed.Meier. Undweil wir noch ein paar Minuten haben, sind wir, als das Essen kommt, schon beim Porträt vom Adlergrafen Arco gewesen. Während des Essens plaudern wir über Pferde, schlechtes Benehmen, die Sisi, die hier gleich um die Ecke geboren wurde – Herr Meier liebt Geschichte und Geschichten. Aufmerksam achtet er dabei auf sein Gegenüber. Ob es vielleicht zieht, wenn die Tür offen steht? Ob ich noch gern was zu trinken hätte? Bei unserem Spaziergang später wird Herr Meier stets darauf bedacht sein, einen kleinen Schritt zur Seite zu machen, um der Dame den Vortritt zu lassen.

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ED.MEIER GESCHÄFT, BRIENNER STRASSE 10

Vor dem Laden steht eine kleine schwarze Kutsche mit dem goldenen Emblem des ehemaligen Hoflieferanten. Wenn man in München wohnt, kann man sich seine Einkäufe bei Ed.Meier mit der Pferdekutsche liefern lassen. „Als Kinder haben wir immer gestaunt, wenn die Wirtschaften ihr Bier mit dem Fuhrwerk bekommen haben. Heute sehen die Kinder so was leider kaum noch. Also haben wir uns die Idee mit der Kutsche ausgedacht.“

Er streichelt Gerano, den Gaul, und begrüßt ein paar Kunden und Bekannte, die beim Stadtbummel im Laden vorbeischauen. Dort herrscht Samstagnachmittagbetrieb. Die Verkäufer in hübschen blauen Schürzen haben gut zu tun. Die Schürzen sind ein Statement, weil es ihm nicht gefällt, dass in manchen Boutiquen das Personal feiner als die Kundschaft tut. So wird der Geist des Hauses vermittelt, gleichzeitig weiß der Kunde immer sofort, wen er im Geschäft ansprechen kann. Sowieso ist ihm vornehmes Getue zuwider. Mit schelmischer Freude erzählt er, wie er Rudolph Mooshammer mal eins ausgewischt hat, indem er ihm einen dreirädrigen Piaggio mit Eduard-Meier-Schriftzug vor die Tür gestellt hat, um der opulenten Selbstinszenierung seines Geschäftsnachbarn wenigstens einen Hauch von Wirklichkeit entgegenzusetzen: Er habe nämlich des Öfteren beobachtet, wie sich der Modeschöpfer von seinem mächtigen Rolls-Royce abholen und die läppischen 50 Meter zur Oper chauffieren ließ, um sich dort halb charmant, halt eitel den schaulustigen Touristen zu zeigen. »Es war immer das gleiche Schauspiel«, erinnert sich Meier, »die Wagentür klappte nach außen, man sah erst eine Nerzdecke, dann einen Lackschuh, und so saß er dann da, der Rudolph Mooshamer, mit dem Skizzenblock auf den Knien, und warf ein paar Skizzen aufs Papier – oder tat zumindest so.« Das müssen Zeiten gewesen sein! Nun aber los.

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STADTMAUER / JUNGFERNTURMSTRASSE

Unsere erster Halt ist an einem Stück der alten Stadtmauer, gleich hinter dem Luitpoldblock. »Dort hat die Stadt aufgehört, hier haben der Stadtgraben und die Maxvorstadt begonnen. Wissen Sie, dass hier unterirdisch ein Bach fließt? Wenn man das weiß, betrachtet man die Gegend irgendwie anders. Finden Sie nicht?«

SALVATORKIRCHE

Die Kirche ist mit beeindruckenden goldenen Ikonenbildern verkleidet. König Ludwig I. hat sie einst der griechisch-orthodoxen Gemeinde überlassen. Herr Meier ist einmal nachts zufällig hier vorbeigekommen, als die Gemeinde das orthodoxe Osterfest feierte – die mystische Stimmung habe ihm gut gefallen.

WITTElSBACHER PLATZ

Wir gehen weiter zum Wittelsbacher Platz, vorbei am Denkmal von Ludwigs Sohn, Maximilian I. Herr Meier deutet auf das Geburtshaus Sisis, ein großes Gebäude mit rotem Dach in der Ludwigstraße. »Die wenigsten wissen, dass die spätere Kaiserin Elisabeth in München geboren ist«, womit er recht hat. Herr Meier schwärmt, dass die Wittelsbacher sogar eine Reitmanege im Haus hatten. So was hätte er auch gern. Wir sprechen über die Situation des Einzelhandels. »Worunter München wahnsinnig leidet, sind die fehlenden Russen. Die haben uns um die Jahrtausendwende durch die Krise gebracht und 2008 geholfen, das Jahr durchzustehen. Das sind gute, angenehme Kunden, die zu schätzen wissen, was wir hier eigentlich machen. Wegen der Krim-Sanktionen hat man sie völlig ausgebremst.« Wir marschieren weiter Richtung Odeonsplatz. »Dazu kommt, dass nach den Attentaten in Bayern in einigen Ländern eine Reisewarnung für Deutschland ausgegeben wurde. Es kommen weniger Touristen. Da hätten wir alle gern unsere Russen wieder.«

THEATINERKIRCHE

Eine politische Veranstaltung vor der Feldherrnhalle macht es schwer sich weiter zu unterhalten. Herr Meier meint, hier stehen so oft Partyzelte, dass der Tourist den Platz eigentlich nur auf einer Postkarte richtig sehen kann. Das Thema Demonstration trifft einen Nerv. Über ein Jahr lang waren vor seinem Geschäft jeden Montag Pegida-Demonstrationen. »Sie brauchen als kleines Unternehmen, das Besonderheiten bietet, eine bestimmte Atmosphäre. Und in der Vergangenheit hatte die Stadt relativ wenig Gespür dafür, was dem kleinen Handel hilft und was eine Katastrophe ist: Wer vorn am Odeonsplatz einen Laden hat, hat eigentlich jeden Samstag irgendeine Veranstaltung vor der Haustür.Das ist schlimm für die Geschäfte. Aber es wird besser.«

PLATZ DER OPFER DES NATIONALSOZIALISMUS

Herr Meier zeigt mir, wo früher Louis Vuitton und Cartier ihre Läden hatten. Cartier residierte genau neben seinem jetzigen Geschäft. »Vor 25 Jahren war die Brienner Straße eleganter als die Maximilianstraße, die damals noch einen fast dörflichen Charme hatte. Jetzt dreht es sich gerade wieder um. Die ersten Geschäfte aus der Maximilianstraße kommen wieder her. Ich habe den Eindruck, dass sich nicht die ganz großen Unternehmen hier ansiedeln, sondern die besonderen. Um die Brienner Straße entwickelt sich ein ganz eigenes Viertel, weniger protzig, dafür aber gediegener.«

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KAROLINENPLATZ

Wir gehen die Brienner Straße Richtung Karolinenplatz. Herr Meier möchte mir zeigen, dass die Brienner Straße die Verbindung zum Museumsviertel ist und die Pinakotheken ganz einfach zu erreichen sind. Der Hintergrund ist der, dass ein Fußgängerübergang von der Siemenszentrale bis zur St.-Markus-Kirche an der Gabelsbergerstraße im Gespräch ist. Er findet, das ist rausgeschmissenes Geld, weil man durch eine Brücke vielleicht 40 Meter Fußweg einsparen würde. Die Millionen sollte man lieber Obdachlosenheimen geben.Und dann stehen wir am Obelisken, von dem aus man die Pinakothek der Moderne schon sehen kann. Der Obelisk ist ein Denkmal für die 30.000 gefallenen Bayern im Russlandfeldzug von 1812. Herr Meier wirkt auf einmal nachdenklich. Er hat sich vor vier Jahren dafür eingesetzt, dass eine Gedenkfeier anlässlich des 200. Jahrestages stattfindet. Vergeblich. Zeit für den Rückweg, vorbei am Amerikahaus und der Pension Marienbad, wo man für nicht allzu viel Geld nett übernachten könne. Notiert.

GAMSBAR

Zurück in der Gamsbar muss noch die Frage geklärt werden, wie Herr Meier auf den Namen gekommen ist: Warum denn Gams, also Gämse, mitten in der Stadt? Er erzählt von der Münchner Künstlerfamilie Kobell. Ein Mitglied der Familie habe im 19. Jahrhundert eine erlegte Gams auf dem Rücken vom Bahnhof über die Brienner Straße bis nach Hause getragen hat. München sei eben das nördlichste Dorf der Alpen und die Gams das Symboltier der Berge. Die Liebe zu seiner Heimat, macht bei Herrn Meier nicht am Stadtrand halt, aber diese Geschichten müssen ein  anderes Mal erzählt werden.

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erstellt am: 09.03.2017

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